Scirocco I Test aus der Zeitschrift
auto-motor-sport vom 16.03.1974 !!

Aus Leidings Baukasten !!

Der Scirocco ist das erste Modell einer in Wolfsburg entwickelten Reihe,
zu der auch der Käfer - Nachfolger "Golf" gehören wird.
Auto - Motor und Sport fuhr das sportliche Coupé.

Ein neues VW - Programm mit Quermotor und Frontantrieb erblickt das Licht der Welt !!

Schon seit langem ist die Wolfsburger Entwicklungskapazität aufgestockt. Aber vor Leidings Machtübernahme
wußte man noch nichts rechtes damit anzufangen : Es wurde entwickelt und entwickelt, und was dann schließlich in
die Serie gelangte, stammt aus anderen Schmieden. Der K 70 kam von NSU, der Passat von Audi, die unter
Generaldirektor Lotz unter der Bezeichnung EA 266 für die Serie präparierte Mittelmotor - Limousine hatte Porsche
konstruiert. Sie war gut, aber teuer, und darum bestand eine der ersten Handlungen des neubestellten Rudolf Leiding
darin, sie vom Tisch zu wischen und Wolfsburger Eigenentwicklungen zu forcieren, die sich preisgünstiger realisieren
ließen.
Das größte Projekt dieser Reihe, EA 272, mußte allerdings dem Passat weichen, der als Audi - Variante ein Jahr eher
auf dem Markt sein und dem VW - Geschäft die dringend nötige Auffrischung bescherten konnte. Nun aber geht es
Schlag auf Schlag : 1974 ist ein für VW - Verhältnisse ungewohnter Modellsegen geplant.

Den Anfang machte das sportliche Coupé mit der Entwicklungsbezeichnung EA 398. Es bekam nach einigen Hin und
Her den Namen Scirocco.
Die mit dem Passat gestartete Wind - Serie ist damit schon wieder am Ende : Die meisten Lüftchen erwiesen sich als
markenrechtlich bereits belegt.




Kurvenpirsch im Tannengrün !!

Die Bauern im einsamen Heidedorf Ehra gucken schon längst nicht mehr hin, wenn an ihnen ein Auto vorbeifährt, den
es offiziell noch gar nicht gibt. Ab und zu kommt das vor - obwohl Prototypen die 60 km - Strecke Wolfsburg - Ehra
eigentlich unter der Plane eines LKW zurückzulegen haben. Vollends unter Ausschluß der Öffentlichkeit verläuft der
Fahrbetrieb hinter den Mauern des Versuchsgeländes Ehra - Lessien, höchstens professionelle Fotospäher verirren
sich gelegentlich hierher und suchen nach Lükken im Tannengrün.
Für erste Fahr - Bekanntschaften mit neuen VW - Auto´s ist dieses Gelände ideal - die trickreich angelegten Straßen
jeder Beschaffenheit vereinen die Vorzüge abgesperrter Rennstrecken, öffentlicher Straßen und spezieller
Versuchseinrichtungen. Sie sind - auch außerhalb von Krisenzeiten - nicht ganz begrenzungsfrei : Wenn hier ein Schild
80 km/h empfiehlt und man sich nicht daran hält, dann folgt die Belehrung auch ohne Polizei auf den Fuß : Man wird
von einer Mords Bodenwelle unter das Dach katapultiert, oder man landet samt Auto neben der Straße im weichen
Heidesand, nachdem sich der Kurvenradius als abartig entpuppt hat.
Offenbar wollten die VW - Techniker diesen Kurs einmal richtig in den Griff bekommen, und so entstand der Scirocco.
Weder mit dem lahmen alten Käfer noch mit dem zivilen, in der Lenkung indirekten Passat fühlt man sich im Heide -
Kurvengewirr ganz zu Hause.

Mit dem Scirocco dagegen kann es zur Sache gehen : Man klemmt sich in einen flachen, gut führenden Sitz, nimmt ein
kleines dickrandiges Lenkrad fest in die Hand und begibt sich mit wachsendem Vergnügen auf die Kurvenpirsch. Das
es sich um ein Frontantriebsauto handelt, merkt man am Gegendruck der Lenkung in engen Kurven, aber kaum an den
Fahreigenschaften, die sich aus dem untersteuernden Bereich stark dem neutralen Idealzustand annähert.
Dank günstiger Verhältnisse von Gewichtsverteilung, Radstand und Spurweite sind Reaktionen beim Gasgeben und
Gaswegnehmen kaum zu spüren. Die Väter dieses Auto´s geben offen zu, das sie eine sportliche Fahrwerksauslegung
angestrebt haben.
Lenkraddurchmesser, Lenkübersetzung und Nachlauf wurden so gewählt, das man das Auto gut in der Hand hat -
minimale Bedienungskraft war nicht das wichtigste Ziel. Auch Federung, Dämpfung und Querstabilisierung sind
herzhaft rustikal und vermitteln satten Fahrbahnkontakt. Unangenehme Stöße bleiben den Insassen aber erspart,
denn das Frontantriebsfahrwerk mit der ausgeklügelten, leicht ansprechenden Hinterachsaufhängung bietet
grundsätzlich gute Komfort - Voraussetzungen.
Auch motorseitig ist vorgesorgt. In der stärksten Version hat der Scirocco den 85 PS, 1,6 Liter - Vierzylinder des
Audi 80, der dem etwa 800 kg schweren Auto zu beachtlichem Temperament verhilft : Die Beschleunigung von
0 auf 100 km/h liegt bei etwa 11 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit bei 175 km/h.
Die Wolfsburger Autobauer haben keinerlei Scheu vor ausgeprägt sportlichen Merkmalen gezeigt. Auch die
Normalbenzinversion der gleichen Maschine (70 PS) liefert noch 12,5 Sekunden und über 160 km/h.
Zivil und begrenzungsfreudig benimmt sich der Scirocco erst mit dem 1,1 Liter - Motor, der 50 PS zu bieten hat, die
Spitze auf 144 km/h schrumpfen lässt und für 0 - 100 km/h 18 Sekunden braucht. Obwohl gerade in diesem Motor mehr
steckt : Er ist nämlich kein Audi - Motor, sondern eine VW - Neukonstruktion mit Querstromzylinderkopf. Man wird
diesem Motor in den weiteren Modellen der neuen Baureihe noch öfter begegnen - dem ersten Eindruck nach ist er
nicht nur sehr drehfreudig (Nenndrehzahl 6000 U/min), sondern auch laufruhiger als die etwas rauhen Audi - Motoren.


Drei Ausstattungen (hier die L - Version)
und drei Motoren lassen sich zu insgesamt
sieben Scirocco - Modellen kombinieren.

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Neue Technik auf altem Radstand !!

Der Scirocco würde sicherlich viel mehr als Markstein der VW - Geschichte aufgefaßt, wenn ihm nicht schon die
Frontantriebsmodelle K 70 und Passat vorausgegangen wären. Trotzdem : Er ist das erste in Wolfsburg entwickelte
Modell, das mit der alten Luftkühlungs - Heckmotor - Tradition bricht. Er tut das jedoch in würdiger Form : Das
ebenfalls erwogene Projekt eines einfachen Starrachs - Auto´s nach Opel Vorbild wurde zugunsten des konstruktiv
aufwendigen Quermotor - Entwurfs aufgegeben. Auf dem klassischen VW - Radstand von 2,40 m - er macht die
Käfer - Kundendiensteinrichtungen für den Scirocco nutzbar - entstanden ein originelles Fahrwerk und eine sehr
kompakte Karosse. Der Scirocco und die ihm folgende "Golf" - Limousine werden nicht die kleinsten Mitglieder
der neuen VW - Familie sein, bleiben aber trotzdem in der Länge weit unter dem 4 Meter - Maß, das der Käfer
bekanntlich um 11 cm überschreitet.
Quermotor und kurze Haube machen den Raum zwischen den Achsen für die Passagiere nutzbar, somit kann das
niedrige Coupé trotz flacher Sitzposition Platz für vier Personen bieten - wenn auch sportlich beengt.
Auch die Radaufhängungen sind auf Raumersparnis ausgelegt : vorn Querlenker und Federbeine mit brems-
stabilisierendem negativen Lenkrollradius, hinten eine sogenannte Verbundlenkerachse, deren Hauptmerkmal ein
tiefliegender, Innen- und Kofferraum wenig beeinträchtigender Querträger ist. Dieses primitiv aussehende, aus
Flachstahl zusammengeschweißte Bauteil verbindet die Lagerung der beiden Längsschwingen, an denen die
Hinterräder spur- und sturzkonstant aufgehängt sind. Bei ungleicher Einfederung der beiden Hinterräder wird der
Querträger auf Torosion beansprucht, in Kurven wirkt er als Stabilisator der Seitenneigung entgegen.
Bremsverstärker, Diagonal - Zweikreisaufteilung und Belag - Verschleißanzeige für die vorderen Scheibenbremsen,
Zahnstangenlenkung, serienmäßige Stahlgürtelreifen (normal 155 SR 13, bei den 85 PS - Modellen 175 / 70 SR 13)
lassen die Devise "klein aber fein" erkennen, die beim Scirocco Pate gestanden hat. Ob er unter dem Strich viel
teurer herzustellen ist als die schlichteren Konkurrenzmodelle von Opel - das bleibt Geheimnis der Wolfsburger
Kalkulationsabteilung. Eines ist aber sicher : Wer Raum spart, spart auch Geld.


Der Quermotor ist in der 1,5 Liter - Version nach hinten, beim 1,1 Liter
aus Gründen der Gewichtsverteilung nach vorn geneigt.

Die Radaufhängungen :
vorn Querlenker und Federbeine,
hinten Längsträger mit torsionsfähigem Querträger.
Der Tank liegt vor der Hinterachse am Wagenboden.

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Giugiaro statt Ghia !!

Die Karosserieform des Scirocco entstand nicht ganz ohne Mitwirkung des Italieners Giugiaro, der als Protagonist der
Keilform gelten kann : Er bewies erstmals, das man auch mit kurzen vorderen Hauben hübsche sportliche Auto´s bauen
kann und brach damit die Vorherrschaft der langen Hauben, die seit dem Mustang wieder zu Ehren gekommen waren,
den Nachteil der ungünstigen Raumökologie aber nicht loswerden konnte. Die maßvolle Keilform des Scirocco wirkt
nicht zuletzt durch ihre Proportionen : Das Coupé ist nicht nur kompakt, sondern auch breit und niedrig. Es ist noch fünf
Zentimeter niedriger als der Capri, erhebt nicht den Anspruch auf "repräsentatives" Aussehen, hat aber ohne Zweifel
eine unverwechselbare Individualität, die mehr sachlich als aufdringlich wirkt.
Das Innenstyling wird nicht überall den gleichen Beifall finden wie die äußere Form : Die kastenförmige Instrumenteneinheit
ist ein bißchen klobig ausgefallen, hier wäre weniger mehr gewesen. Gut abgestimmte Verkleidungs - und Polstermaterialien
machen das zum Teil wieder wett, als praktischen Vorzug werden ehemalige Karmann Ghia Fahrer die Tatsache zu schätzen
wissen, das es einen per Heckklappe zugänglichen Kofferraum gibt, der allerdings nur dann voll zugänglich ist, wenn die
darüberliegende Abdeckung nach oben klappt.
Nicht weniger wird dem VW - Publikum die Heizanlage angenehm auffallen, denn sie liefert Wärme gleichmäßig und gut
verteilbar - unabhängig davon, wie hoch der Motor gerade dreht.

Der Scirocco wird bei Karmann gebaut und tritt an die Stelle des ehrwürdigen Karmann - Ghia. Als einst dieses Auto
herauskam, waren sportliche Auto´s noch gänzlich unpopulär. Heute betrachten manche Leute sie als nicht mehr zeitgemäß.
Bei VW ist man anderer Meinung - aus gutem Grund. Der Scirocco sieht nicht aus wie ein Auto, auf dem seine Hersteller
sitzenbleiben.

Dieser Testbericht wurde 1974 von Reinhard Seiffert für die a-m-s geschrieben.


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